Adrian hörte es über den Lautsprecher.
Mara flüsterte: „Charles?“
Die Stimme lachte leise.
„Du klingst genau wie Eleanor.“
Mara spürte, wie Eis durch ihren Körper fuhr.
“Was willst du?”
„Was deine Mutter gestohlen hat.“
„Ich habe es nicht.“
„Nein. Aber du weißt ja, wo es jetzt ist.“
Mara warf einen Blick auf die Kassette.
Charles fuhr fort.
„Du hast etwas, das mir gehört.“
„Du hast meine Mutter ermordet.“
Langes Schweigen.
„Ich habe viele Dinge getan, die ich bereue.“
„Das ist keine Antwort.“
„Das ist das einzige Exemplar, das Sie bekommen.“
Adrian griff nach dem Telefon.
Charles hörte eine Bewegung.
„Adrian Vale.“
Adrian hielt an.
Charles klang fast amüsiert.
„Dein Vater war nie mutig genug, dir zu erzählen, was er getan hat.“
„Was hat er getan?“
„Er hat eine Entscheidung getroffen.“
„Welche Wahl?“
„Er könnte seine Frau retten.“
Adrian erstarrte.
„Oder er könnte Eleanor retten.“
Mara sah ihn an.
Charles fuhr fort.
„Er hat seine Frau selbst ausgesucht.“
Das Gespräch wurde beendet.
Adrian sagte mehrere Sekunden lang nichts.
Dann stellte Mara die Frage, auf die keiner von ihnen eine Antwort wollte.
„Wenn dein Vater deine Mutter auserwählt hat… warum ist meine Mutter dann überhaupt gestorben?“
Adrian starrte auf das stumme Telefon.
„Vielleicht, weil Charles gelogen hat.“
Mara blickte zur Kassette.
„Oder vielleicht, weil dein Vater es getan hat.“
Und zum ersten Mal begann das Bündnis zwischen dem Milliardär und dem Dienstmädchen zu bröckeln.
Kapitel 4 – WAS ADRIANS VATER VERGRABEN HATTE Adrian bat Mara nicht, ihm zu vertrauen.
Das war wichtig.
Menschen, die Vertrauen erst einforderten, bevor sie es sich verdienten, hatten den größten Teil von Maras Berufsleben bestimmt.
Die Manager rieten ihr, ihnen zu vertrauen, wenn sich die Lohnzahlungen verzögerten.
Die Vermieter sagten ihr, sie solle ihnen vertrauen, als die Reparaturen nie durchgeführt wurden.
Celeste hatte den Angestellten gesagt, sie sollten darauf vertrauen, dass jeder, der der Familie Vale treu ist, letztendlich belohnt werden würde.
Mara hatte gelernt, dass Vertrauen häufig das Wort war, das mächtige Leute benutzten, wenn sie wollten, dass jemand aufhörte, Fragen zu stellen.
Adrian hat etwas anderes gemacht.
Er sagte: „Findet zuerst die Wahrheit heraus.“
Sie waren zwölf Stunden lang getrennt.
Mara ging in Begleitung von Polizisten und einem Kriminalbeamten, der mit den Ermittlungen zum Übergriff betraut war, ins Planetarium.
Adrian blieb auf seinem Anwesen und öffnete jeden verschlossenen Schrank, der jemals seinem Vater gehört hatte.
Die Suche im Museum blieb erfolglos.
Anfangs.
Mara schritt durch Ausstellungsstücke, die sie seit ihrer Kindheit nicht mehr gesehen hatte.
Die alte Kellergalerie war zweimal renoviert worden. Wände waren versetzt worden. Ausstellungsstücke waren verschwunden.
Ein pensionierter Kurator erinnerte sich schließlich an Eleanor.
„Dunkle Haare? Immer ein kleines Mädchen dabei?“
Maras Kehle schnürte sich zu.
“Ja.”
„Sie hat hier ehrenamtlich gearbeitet.“
Das war neu.
Eleanor hatte Mara erzählt, dass sie bei der Buchhaltung einer gemeinnützigen Organisation aushilft.
Offenbar bestanden Verbindungen zwischen der gemeinnützigen Organisation und dem Museum.
Der Kurator führte sie ins Archiv.
Kisten, die drei Jahrzehnte alt waren, füllten Metallregale.
Eleanor Bennetts Freiwilligenakte enthielt kaum mehr als Formulare und alte Korrespondenz.
Dann entdeckte Mara eine ungewöhnliche Notiz neben einer Schließfachnummer.
B-117. Dauerhafte Spenderlagerung.
Der Spind existierte nicht mehr.
Der Inhalt aber schon.
In einer Archivbox eines Museums befand sich ein von einem Kind selbstgebautes Sonnensystem.
Mara begann zu weinen, noch bevor sie es berührte.
Sie erinnerte sich daran, wie sie mit ihrer Mutter die Planeten gemalt hatte.
Jupiter war zu groß.
Der Mars war orange statt rot.
Saturns Ring wurde aus Pappe hergestellt.
Ihr Name stand darunter mit einem violetten Filzstift.
MARA — 8 JAHRE
Der Detektiv beobachtete sie aufmerksam.
„Alles in Ordnung?“
“NEIN.”
Sie drehte das Modell um.
Nichts.
Da fiel ihr Eleanors Satz wieder ein.
Wo Sterne unter der Erde lebten.
Nicht Planeten.
Sterne.
Mara hob den schwarz lackierten Sockel auf.
Es war mit winzigen silbernen Punkten bedeckt.
Sie drückte die Eins.
Nichts.
Ich drückte einen weiteren Knopf.
Ein Stück Pappe verschob sich.
Im Inneren befand sich ein in Plastik verpackter Gegenstand von der Größe eines Taschenbuchs.
Ein blaues Hauptbuch.
Mara hat es nicht geöffnet.
Sie rief Adrian an.
Er ging beim ersten Klingeln ran.
„Ich habe es gefunden.“
Schweigen.
Dann: „Fass nichts anderes an.“
„Adrian.“
“Was?”
„Ich muss Sie zuerst etwas fragen.“
Er hörte die Veränderung in ihrer Stimme.
“Was ist passiert?”
„Charles sagte, dein Vater habe deine Mutter meiner vorgezogen.“
Adrian schloss die Augen.
„Ich habe auch etwas gefunden.“
“Was?”
„Ein Geständnis.“
Mara setzte sich.
Richard Vale hatte es sechs Monate vor seinem Tod geschrieben.
Kein rechtsgültiges Geständnis.
Ein Brief.
Er hatte es an Adrian adressiert, aber nie abgeschickt.
Adrian las daraus am Telefon vor.
Fünfundzwanzig Jahre zuvor hatten Richard, Margaret und Eleanor geplant, Charles Harrington zu entlarven.
Charles entdeckte den Plan.
Er entführte Margaret Vale.
Dann befahl er Richard, Eleanors Beweismaterial herauszugeben.
Richard stimmte zu.
„Hat er Charles das Exemplar gegeben?“, fragte Mara.
“Ja.”
„Und meine Mutter?“
„Richard glaubte, Charles würde sie gehen lassen.“
Mara lachte ohne jede Ernsthaftigkeit.
„Er glaubte einem Verbrecher, der seine Frau entführt hatte?“
„Er war entsetzt.“
„Also hat er meine Mutter geopfert.“
Adrian sagte nichts.
Maras Wut wuchs.
„Sag es.“
“Bald-“
„Sag, was er getan hat.“
Adrians Stimme überschlug sich leicht.
„Mein Vater hat deine Mutter verraten, um meine zu retten.“
Da war es.
Sauber.
Hässlich.
WAHR.
Mara starrte auf das blaue Hauptbuch.
„Hat Charles Ihre Mutter freigelassen?“
“Ja.”
„Und dann haben sie meine getötet.“
„Wir wissen es nicht –“
“Stoppen.”
Adrian verstummte.
Mara atmete ihren Zorn weg.
„Ich mache dir keine Vorwürfe wegen deines Vaters.“
“Ich weiß.”
„Aber ich brauche Abstand.“
“Ich weiß.”
„Ich werde das Kassenbuch direkt den Strafverfolgungsbehörden übergeben.“
“Du solltest.”
Mara hätte beinahe aufgelegt.
Dann sagte Adrian: „Mein Vater verbrachte den Rest seines Lebens damit, das wiedergutzumachen, was er angerichtet hatte.“
„Das bringt meine Mutter nicht zurück.“
“NEIN.”
„Er wurde reich.“
“Ja.”
„Wie praktisch.“
Adrian nahm den Schlag hin.
Mara bereute es sofort.
Aber das reicht nicht für eine Entschuldigung.
Dann sagte Adrian etwas Unerwartetes.
„Die ersten fünf Millionen Dollar, die für den Bau von Vale Meridian verwendet wurden, stammten aus dem Vermögen von Harrington.“