Der Klang hallte durch den ganzen Ballsaal, noch bevor das Orchester den letzten Ton gespielt hatte.
Die siebenjährige Grace Vega brach neben dem Haupttisch zusammen, eine Hand an die Wange gepresst. Ein Teller drehte sich auf dem weißen Marmor und zersprang. Soße spritzte auf ihr hellblaues Kleid.
Niemand rührte sich.
Celeste Whitmore, die in einem seidenen Brautkleid vor ihr stand, spuckte: „Du dreckiges Kind! Sieh nur, was du angerichtet hast!“
Als sie sich zwischen den Stühlen hindurchzwängte, stieß Grace gegen den Rand von Celestes Teller. Emiliano Vega erhob sich langsam von seinem Platz.
Grace sprang auf und warf sich in seine Arme. „Papa …“
Er kniete sich hin und berührte die rote Stelle in ihrem Gesicht. „Hat er dich geschlagen?“
Grace nickte und flüsterte dann: „Er sagte, sie würden mich auch nicht auf die Familienfotos lassen.“
Emiliano blickte auf.
Celestes Zorn hatte sich gelegt. „Welche Fotos?“
Grace zeigte auf die Stelle, wo die Fotografen standen.
„Bring ihn her“, sagte Emiliano zu Mateo, seinem Sicherheitschef.
Der Fotograf traf ein und sah blass aus. „Herr Vega, ich habe schriftliche Anweisungen erhalten. Ich dachte, sie kämen von der Braut.“
Er reichte Emiliano ein bedrucktes Blatt Papier.
Emiliano macht ein Foto von Celestes Familie.
GRACE DARF NICHT AUF OFFIZIELLEN PORTRÄTS ERSCHEINEN.
Grace darf nicht an der Seite ihres Vaters auftreten.
Celestes Unterschrift erschien ganz am Ende.
Emiliano las es zweimal.
Der Fotograf öffnete daraufhin seine Kamera und zeigte einige gestellte Fotos, die vor der Zeremonie aufgenommen worden waren. Celestes dreizehnjährige Tochter Ava stand neben Emilianos leerem Stuhl, genau dort, wo Grace immer gesessen hatte.
„Du warst nicht wütend, weil sie deinen Teller berührt hat“, sagte Emiliano.
Celeste wich zurück. „Emiliano, hör mir zu.“
„Du wolltest, dass ich weine. Du wolltest, dass ich vor den Porträts verschwinde.“
Er hob Grace in seine Arme und setzte sie auf seinen Stuhl.
„Sie wollten ein Foto, das bewies, dass meine Tochter nicht neben mir saß.“ Ihre Stimme verstummte. „Stattdessen hat hier jeder nur diejenige gesehen, die es versucht hat.“
Celeste wurde kreideweiß.
Dann vergrub Grace ihr Gesicht in ihrer Schulter und murmelte etwas anderes.
„Er sagte, dass Mama auch im Weg war.“
Emiliano führte Grace unter den erstaunten Blicken zweihundert von Gästen aus dem Ballsaal.
Hinter ihm rief Celeste: „Das habe ich nicht gesagt!“
Er drehte sich nicht um.
In der privaten Familiensuite saß Grace auf einem Sofa, als Mateo ihr ein in eine Serviette gewickeltes Eis brachte. Emiliano hockte sich vor sie.
“Schatz, ich brauche deine genaue Antwort auf das, was Celeste über Mama gesagt hat.”
Grace wirkte verängstigt. „Bin ich in Schwierigkeiten?“
„Nein. Ehrlich gesagt niemals.“
Sie drehte den Hasenanhänger an ihrem Armband. „Letzte Woche war ich im Gewächshaus. Miss Celeste unterhielt sich mit Onkel Adrian.“
Celestes älterer Bruder.
“Was haben sie gesagt?”
Grace schluckte. „Er sagte: ‚Die erste Frau wurde zum Problem.‘ Dann sagte sie: ‚Sprich hier nicht über Isabela.‘“
Emiliano spürte, wie ihm die Luft aus den Lungen wich.
Isabella. Graces Mutter. Seine Frau, die vor drei Jahren starb, nachdem ihr Auto auf einer durch Regen glatt gelaufenen Straße gegen eine Leitplanke prallte.
„Was noch?“
Grace hatte Tränen in den Augen. „Mr. Adrian sagte: ‚Dieselbe Straße, dasselbe Problem.‘ Celeste befahl ihm zu schweigen.“
Mateo hörte auf, sich zu bewegen.
Emiliano stand auf. „Schließt die Türen.“
Mateo hatte sein Funkgerät bereits mitgenommen.
Es klopfte an der Tür. Celeste trat ein, ohne zu warten.
Ihr Schleier war verschwunden. Genau wie das liebliche Lächeln, das sie den ganzen Morgen getragen hatte.
„Du machst Grace Angst“, sagte sie.
„Du hast sie vor zweihundert Leuten geohrfeigt.“
„Sie hat mein Kleid ruiniert.“
Emiliano fixierte sie mit seinem Blick.
Celeste wurde klar, was sie gesagt hatte, und änderte ihre Meinung. „Ich habe die Beherrschung verloren. Es tut mir leid. Aber diese Mitteilung ist falsch.“
„Grace hat gehört, wie du über Isabella gesprochen hast.“
Zum ersten Mal wirkte Celeste wirklich verängstigt.
“Was hat er dir erzählt?”
„Das reicht“, dachte Emiliano.
Er ging auf sie zu. „Wo ist Adrian?“
“Ich weiß nicht.”
Mateos Radio knisterte.
„Südtor Richtung Mateo. Adrian Whitmores Auto hat soeben das Ausfahrtstor passiert. Er verlässt das Grundstück.“
Emiliano blickte Celeste an.
Sie flüsterte: „Du musst es loslassen.“
“Weil?”
Seine nächsten Worte waren kaum mehr als ein Flüstern.
„Denn wenn Adrian glaubt, dass du etwas über Isabella weißt, ist Grace nicht mehr sicher.“
Die Hochzeit endete ohne Vorwarnung.
Die Gäste wurden zum Ostausgang geleitet, während Sicherheitskräfte das Gelände absperrten. Die Torte blieb unberührt. Champagner funkelte in Kristallgläsern. Blumen, teils kostbarer als die in vielen Privathaushalten üblichen, schmückten einen Ballsaal, in den sich niemand zu wagen wagte.
Emiliano schickte Grace mit Lena, Mateos Frau, nach oben und kam mit dem Fotografen zurück.
Sein Name war Daniel Park. Seine Hände zitterten noch immer.
„Wer hat Ihnen die Anweisungen gegeben?“, fragte Emiliano.
“Ihre Hochzeitsplanerin hat es mir gestern geschickt.”
“Von Celeste?”
Daniel zögerte. „Die E-Mail kam von seinem privaten Account.“
Celeste war sechs Meter entfernt, ihr Anwalt stand nun an ihrer Seite.
„Das beweist absolut gar nichts“, sagte der Anwalt. „Die Konten können gehackt werden.“
Daniel betrachtete die Fotos auf seinem Gerät. „Da ist noch etwas.“
Er zeigte Emiliano ein Foto, das er genau an diesem Morgen während der Vorbereitungen aufgenommen hatte. Adrián stand in der Nähe des Seiteneingangs und unterhielt sich mit einem grauhaarigen Mann in einer Cateringjacke.
Emiliano Zoomte war überrascht.
Er hatte Magenkrämpfe.
Er kannte diesen Mann.
Marcus Vale war der Besitzer der Werkstatt, die Isabellas Geländewagen zwei Tage vor ihrem tödlichen Unfall untersucht hatte.
Nach seinem Tod teilte Marcus der Polizei mit, dass die Bremsen einwandfrei funktioniert hätten.
„Was macht er hier?“, fragte Emiliano.
Daniel schüttelte den Kopf. „Ich dachte, er arbeitet in der Gastronomie.“
Mateo erschien neben ihnen. „Nein, er ist keiner von ihnen. Ich habe die Liste der Vertriebspartner überprüft.“
Celeste wandte sich den Türen zu.
Emiliano bemerkte es.
“Nicht.”
Sie blieb stehen.
Mateo senkte die Stimme. „Es gibt noch ein anderes Problem. Jemand hat sich zwanzig Minuten nach Beginn der Zeremonie Zugang zum Sicherheitsserver verschafft. Die Aufnahmen aus dem Gewächshaus von letzter Woche sind verschwunden.“
Graces Gespräch.
